Wir sind in eine vollkommene Gegenwart eingetreten und erleben darin eine ununterbrochene digitale Stimulation. Partizipation und Interaktion mittels andauernder Datenströme bilden die Signaturen unserer livegeschalteten Gesellschaft. Ihre technologischen, ästhetischen, performativen und alltäglichen Qualitäten steigern die Intensität unserer Teilhabe und Interaktion mit der Welt.
Inkompatibilität bezeichnet den Zustand, wenn Dinge nicht reibungslos miteinander funktionieren. Derzeit werden allerseits Krisen ausgerufen – in der Politik, der Wirtschaft, der Technologie und der Ökologie – und dadurch hat man schnell den Eindruck, dass wir es im Moment überall mit inkompatiblen Elementen und Situationen zu tun hätten und als ob gerade alles im Begriff wäre zu scheitern. Das Ironische dabei ist, dass besonders die angeblich immer kompatibler werdende Mediensphäre, wo sich sozusagen Alles miteinander verbindet, diese Krisen im Handumdrehen sichtbar macht.
Blickt man über die Szenarien der Erderwärmung, steigender Meeresspiegel und Ver-wüstung hinaus, dann lautet die entscheidende Frage nicht in erster Linie, wie dies zu verhindern sei. Vielmehr ist es notwendig, die strukturelle Veränderung im Verhältnis von Natur, Kultur und Technologie zu betrachten. Mit dem Festivalthema DEEP NORTH schaute die transmediale.09 im Jahr 20 nach der Wende auf den notwendigen globalen Kulturwandel, der aus dem Schmelzen der Polkappen erwachsen wird.
Die transmediale 00 befand sich im Jahrtausendwechsel: die ganze Welt spekulierte darauf, dass Computer abstürzen, Philosophien grundlegende Wendungen einschlagen und die Welt ihrem Untergang näher kommt.
Auch die Medienwelt veränderte sich, alles was früher materiell vorhanden war, Bücher, Zeitungen und sogar das technologisch weiterentwickelte Fernsehen, begab sich auf den Weg, digital zu erscheinen.
Aus passiven Medienkonsumenten wollte die transmediale.01 aktive Produzenten machen: Künstlerische und medientechnologische Strategien sollten von den Besuchern benutzbar gemacht werden, um ihnen die Möglichkeit zu geben, selbst und vor Ort Kunst zu gestalten. Somit reflektierte DIY [do it yourself!] die emanzipatorische Tendenz des Selbermachens auf medienkünstlerischer Ebene.
go public! bezeichnet in der neuen Ökonomie den Börsengang eines Unternehmens. Ursprünglich wird damit jedoch die Veröffentlichung von Informationen, das an die Öffentlichkeit Gehen bezeichnet. Im digitalen Zeitalter durchdringen sich aufklärerische Medienpraxis und Kommerzialisierung des öffentlichen Raums. Die Massenmedien vervielfältigen ihre Kanäle und vereinheitlichen ihre Inhalte.
Als kulturelles Gegengewicht zur ökonomischen und militärischen Globalisierung präsentierte sich die transmediale.03 als künstlerischer "global player": künstlerisch-kritische Strategien sollten ironische, humorvolle aber vor allem spielerische Ideen zum Umgang mit der Globalisierung erfinden. Auf der Konferenz wurden Fragen diskutiert, die sich mit der Veränderung der Kunst und ihrer Strategien und Praktiken durch die Globalisierung beschäftigten, ob lokale künstlerische "Dialekte" eine Unterdrückung oder sogar eine Verdrängung durch eine globale Sprache der Kunst erfahren würden?
FLY UTOPIA! beschäftigte sich zum Einen mit dem hoffnungsvollen Versprechen der unendlichen Möglichkeiten des Medienzeitalters und zum Anderen mit der unvermeidbaren Hoffnungslosigkeit der technologisierten, entkulturalisierten Gesellschaft, zerrissen durch Machtansprüche und globale Konflikte. Die Grenzen zwischen erträumter Utopie und realer Dystopie verwischen, werden unkenntlich: FLY UTOPIA! rief daher dazu auf, den vorhanden Pessimismus zu überwinden und das utopische Potenzial der heutigen Zeit wiederzuentdecken.
Die transmediale.05 lotete die BASICS, die ästhetischen und ethischen Grundlagen künstlerischer Arbeit mit digitalen Technologien in einer überdrehten, hyper-potenziellen Kultur aus und stellte Modelle künstlerischer Praxis vor, deren Ethik nicht auf vergangenen Wertsystemen, sondern auf der Aneignung einer extremen und widersprüchlichen Gegenwart basieren.